Blick in einen Klettertunnel, aus dem Neda Miladi lächelnd hochsteigt.

JOB Storys #7: Dr. Neda Miladi, die Brückenbauerin

In unserer Reihe „Job Storys“ dreht sich alles um die Mitarbeiter:innen der Stiftung JOB. Denn sie sind es, die die Stiftung einzigartig und empfehlenswert machen. Weiter geht’s mit Neda Miladi, die Menschen mit Fluchterfahrungen dabei unterstützt, in Deutschland Fuß zu fassen.

Ankommen ­und sich fremd fühlen

Als die gebürtige Iranerin vor über fünfzehn Jahren nach Deutschland kam, hatte sie 2 Studienabschlüsse in der Tasche und sprach neben ihrer Muttersprache fließend Englisch und sehr gut Arabisch. Dennoch fühlte es sich an, als müsse sie wieder ganz von vorn anfangen. „Zu Beginn war es für mich schwierig, da ich nur über geringe Deutschkenntnisse verfügte. In Gesprächen konnte ich nicht einfach sagen, wer ich bin oder was ich kann“, erinnert sich Neda Miladi. Diese Erfahrung habe ihr bei ihrer heutigen Arbeit sehr geholfen. Denn sie weiß, wie es ist, in einem fremden Land neu zu beginnen.

Seit fast 6 Jahren unterstützt sie Menschen mit Fluchterfahrung, die in der Gemeinschaftsunterkunft in Werder untergebracht sind. Später kam die Wohnheime in Teltow dazu. Die Themen reichen von Sprachförderung und Bewerbung über Kinderbetreuung und Schule bis hin zu Behördengängen. „Die Stelle wurde damals neu geschaffen, und ich durfte von Anfang an selbst entscheiden, wie ich meine Arbeit mache“, erzählt sie. Schnell Kontakt zu den Menschen zu knüpfen, ist ihr bis heute wichtig: „Wenn neue Familien ankommen, versuche ich, sie so früh wie möglich kennenzulernen und zu fragen, welchen Bedarf sie haben.“

Stärken sichtbar machen

Menschen zu helfen, sich ein neues Leben aufzubauen, ist ein intensiver und anspruchsvoller Job. Kein Tag gleicht dem anderen. Mal erklärt Neda Miladi in Beratungsgesprächen, wie man sich in Deutschland auf eine Stelle bewirbt. Mal gibt sie einen Vorbereitungskurs zum Deutschlernen. Mal organisiert sie ein gemeinsames Frühstück oder entwickelt kreative Angebote. Und immer geht es darum, eine Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen zu bauen. Denn was im Heimatland selbstverständlich war, ist in Deutschland oft ganz anders.

Die meisten Menschen, die sie berät sind über 20, 30 oder 40 Jahre alt. Immer wieder erlebt sie, dass ihre Klient:innen sich selbst unterschätzen. „Viele sagen, sie hätten nichts gemacht. Aber wenn ich genauer nachfrage, erzählen sie, dass sie als Verkäufer oder Köche gearbeitet oder studiert haben. Diese Lebenserfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil sie in einem neuen Land sind“, sagt die 43-Jährige. Sich selbst zu glauben, dass die eigene Biografie wertvoll ist, sei die wichtigste Voraussetzung, um weiterzumachen. Schließlich brauche es viel Selbstvertrauen und Ausdauer, sich neu zu orientieren und eine fremde Sprache zu lernen.

Neue Perspektiven für Frauen

Besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit Frauen, die in ihren Herkunftsländern kaum Chancen auf Bildung oder Arbeit hatten. Viele sind Analphabetinnen, haben mehrere Kinder großgezogen und sich um den Haushalt gekümmert. Über eine berufliche Zukunft in Deutschland nachzudenken, ist für sie neu und ungewohnt. „Wenn eine dieser Frauen dann irgendwann von sich aus sagt, dass sie arbeiten möchte, ist das ein riesiger Schritt“, betont Neda Miladi. Solche Momente sind für sie besonders bewegend: „Es geht nicht nur um die einzelne Frau, sondern auch um die nächste Generation. Wenn Mütter neue Perspektiven gewinnen, wirkt sich das direkt auf das Leben ihrer Kinder aus.“

Damit Frauen neue Wege ausprobieren können entwickelt sie interkulturelle Gruppenangebote und kreative Projekte. „Gemeinsam zu frühstücken oder etwas Schönes herzustellen, bedeutet auch, Zeit für sich zu haben, in der Gruppe ein paar Wörter Deutsch zu sprechen und Selbstvertrauen zu entwickeln“, erklärt sie. Viele dieser Frauen besuchen mittlerweile auch Alphabetisierungskurse.

Schwierige Momente gehören dazu

Die promovierte Kulturwissenschaftlerin liebt ihren Job. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die sie belasten, etwa wenn Menschen über ihre Fluchterfahrungen berichten: „Erzählt mir jemand von seinen traumatischen Erlebnissen, vor allem Kinder, dann ist das sehr schwer auszuhalten“, sagt sie. Auch unrealistische Erwartungen können herausfordernd sein. „Viele bringen Bilder von Deutschland mit, die sie aus den sozialen Medien kennen. Dann erwarten sie, dass alles sofort funktioniert. Ich muss ihnen ehrlich erklären, wie die Realität aussieht und darf gleichzeitig nicht ihre Hoffnungen zerstören“, erzählt die Iranerin. Diese Balance zu halten, verlange viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Manchmal dauere es Jahre, bis Menschen in kleinen Schritten vorankommen.

Offenheit und Geduld auf beiden Seiten

Wenn Neda Miladi mit Menschen außerhalb ihrer Arbeit spricht, hört sie oft die gleiche Frage: Funktioniert Integration überhaupt? Für sie ist die Antwort eindeutig: „Schauen wir uns doch um, sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund leben heute in Deutschland. In den meisten Firmen und Betrieben arbeiten sie längst Seite an Seite mit anderen. Und es funktioniert.“ Entscheidend sei, Integration nicht als schnellen Schritt zu verstehen, sondern als einen Prozess, der Zeit braucht und auf beiden Seiten Geduld erfordert.

Für sie ist entscheidend, den Blick auf Stärken statt auf Defizite zu richten. „Es geht nicht nur darum zu fragen: Wer bist du, was kannst du, was bringst du mit? Es geht auch darum, Wertschätzung zu zeigen und Chancen zu geben“, sagt sie. Sie weiß selbst, wie wichtig das ist: Als sie ihre Stelle bei der Stiftung JOB antrat, sprach sie nur wenig Deutsch und konnte dennoch schnell zeigen, wie viel Wissen und Erfahrung sie mitbrachte. Genau diese Offenheit wünscht sich Neda Miladi auch für andere. „Damit Integration gelingt, darf es kein einseitiges Geben und Nehmen sein. Es braucht auf beiden Seiten Vertrauen und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.“